Die Cyber-Bedrohungslage in der Schweiz zeigt im ersten Halbjahr 2026 ein scheinbar paradoxes Bild: Die Zahl der gemeldeten Vorfälle sinkt, während bestimmte Angriffsformen, die für Unternehmen besonders relevant sind, deutlich zunehmen.
27’054 Cybervorfälle wurden dem Bundesamt für Cybersicherheit (BACS) gemeldet, ein Rückgang von 6,8 Prozent gegenüber dem zweiten Halbjahr 2025. Gleichzeitig stiegen die Phishing-Meldungen um 41 Prozent, und die Meldungen zu Malware schnellten um 85 Prozent nach oben. Das zeigt ein aktuelles Threat Intelligence Briefing von n’guard.swiss, das auf den öffentlich zugänglichen BACS-Wochenstatistiken basiert.
Die zentrale Erkenntnis liegt somit nicht im Gesamtvolumen.
Das Risikoprofil verändert sich. Und damit auch die Anforderungen an Governance, Risikomanagement und Cyber-Resilienz.
Die Bedrohung muss nicht zwingend zunehmen, sie wird aber anspruchsvoller
Der Rückgang der Gesamtmeldungen ist grösstenteils auf weniger klassische Betrugsversuche zurückzuführen. Gleichzeitig gewinnen andere Angriffsmethoden an Bedeutung. Phishing machte im ersten Halbjahr 2026 32,7 Prozent der analysierten Meldungen aus. Spoofing nahm um 42 Prozent zu, während Malware – ausgehend von einer deutlich kleineren Basis – um 85 Prozent wuchs.
Auch die Qualität der Angriffe verändert sich. Das n’guard-Briefing verweist auf KI-gestützte Phishing-Varianten und zunehmend glaubwürdige Kampagnen, die auf unternehmerische Zugangspunkte wie Microsoft 365 abzielen. Methoden wie ClickFix zeigen zudem, wie Angreifer menschliches Verhalten gezielt in die Angriffskette einbauen: Nutzerinnen und Nutzer werden dazu gebracht, schädliche Befehle selbst auszuführen.
Diese Zahlen müssen jedoch richtig eingeordnet werden. Die BACS-Statistiken erfassen gemeldete Vorfälle, nicht die tatsächliche Gesamtzahl der Cyberangriffe in der Schweiz. Insbesondere bei technisch anspruchsvolleren Angriffen ist von einer erheblichen Dunkelziffer auszugehen.
Für Unternehmen ist weniger entscheidend, ob die Zahl der Angriffe statistisch steigt oder sinkt. Massgebend ist, wie sich externe Bedrohungen auf das eigene Risikoprofil auswirken.
Threat Intelligence muss zu Risk Intelligence werden
Genau hier setzt die GRC-Perspektive an.
Ein Anstieg von Phishing um 41 Prozent ist zunächst eine Information über die externe Bedrohungslage. Für das Management wird diese Information erst relevant, wenn sie mit dem eigenen Unternehmenskontext verknüpft wird.
Welche Identitäten und Systeme sind exponiert? Welche kritischen Geschäftsprozesse hängen davon ab? Welche Kontrollen bestehen? Welche Drittparteien haben Zugriff? Welche regulatorischen Pflichten könnten durch einen Vorfall ausgelöst werden? Und welche Auswirkungen hätte ein Ausfall auf den Geschäftsbetrieb?
Aus GRC-Sicht entsteht dabei eine Kette:
So wird aus Threat Intelligence Risk Intelligence.
Genau diese Verknüpfung fehlt in vielen Organisationen noch. Security Operations, Risikoregister, Compliance-Anforderungen, Third-Party-Risk-Management und Business Continuity verfügen jeweils über wertvolle Informationen. Werden sie jedoch isoliert voneinander verwaltet, bleibt die entscheidende Gesamtsicht fragmentiert.
Ein Cybersecurity-Vorfall sollte nicht nur ein Security-Ticket auslösen. Er sollte auch die Frage aufwerfen, ob ein bestehendes Risiko neu bewertet, eine Kontrolle angepasst, eine Drittpartei überprüft oder ein Resilienz-Szenario aktualisiert werden muss.
Regulierung macht Cybersicherheit zur Governance-Aufgabe
Dass Cyberrisiken nicht mehr ausschliesslich als technisches Thema betrachtet werden können, zeigen auch die regulatorischen Entwicklungen.
Mit der NIS2 verankert die EU die Verantwortung explizit auf Führungsebene. Die Leitungsorgane der betroffenen Unternehmen müssen Massnahmen zum Cybersicherheitsrisikomanagement genehmigen und deren Umsetzung überwachen. Die Richtlinie verbindet Risikoanalyse mit Vorfallmanagement, Business Continuity, Lieferkettensicherheit, Schwachstellenmanagement und der Bewertung der Wirksamkeit von Sicherheitsmassnahmen.
2026 kommt ein wichtiges weiteres Element hinzu: der Cyber Resilience Act (CRA). Ab dem 11. September 2026 müssen Hersteller aktiv ausgenutzte Schwachstellen und schwerwiegende Sicherheitsvorfälle bei Produkten mit digitalen Komponenten melden. Erwartet wird unter anderem eine Frühwarnung innerhalb von 24 Stunden sowie ein Folgebericht innerhalb von 72 Stunden.
Der CRA verdeutlicht einen grundlegenden Wandel: Cybersicherheit wird zu einer Aufgabe, die über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg kontrolliert und geprüft werden muss. Risikobewertung, Schwachstellenmanagement, Vorfallmeldung und Verantwortlichkeiten müssen integriert werden.
Auch die Schweiz folgt dieser Entwicklung. Ab dem 1. April 2025 sind Betreiber kritischer Infrastrukturen verpflichtet, bestimmte Cyberangriffe zu melden. Nach der Entdeckung eines meldepflichtigen Vorfalls muss die Meldung an das BACS grundsätzlich innerhalb von 24 Stunden erfolgen.
Die gemeinsame Stossrichtung ist klar: Cybersicherheit wird regulatorisch zunehmend als Governance- und Risikomanagement-Aufgabe verstanden.
Cyber-Resilienz beginnt mit Verknüpfungen
Die Konsequenz daraus ist nicht, für jede neue Bedrohung eine zusätzliche isolierte Kontrolle einzuführen.
Unternehmen müssen verstehen, wie Bedrohungen, Risiken, Prozesse, Kontrollen, Drittparteien und regulatorische Anforderungen zusammenwirken. Genau hier wird GRC zum verbindenden Element zwischen Cyber Security und Cyber Resilienz.
Cyber-Resilienz bedeutet letztlich mehr, als Angriffe zu verhindern. Organisationen müssen Risiken antizipieren, Vorfälle erkennen und bewältigen, Auswirkungen begrenzen und kritische Geschäftsfunktionen wiederherstellen können.
Ein ganzheitlicher GRC-Ansatz schafft die dafür notwendige Transparenz: Welche kritischen Prozesse sind gefährdet? Welche Kontrollen schützen sie? Wie wirksam sind diese Kontrollen? Welche Abhängigkeiten bestehen zu Drittparteien? Welche regulatorischen Anforderungen gelten? Und wo schaffen neue Bedrohungen zusätzliche Risiken?
Die entscheidende Frage ist nicht die Zahl der Angriffe
Die 27’054 gemeldeten Cybervorfälle des ersten Halbjahrs 2026 sind vor allem ein Signal.
Die Bedrohungslage verändert sich, während CRA, NIS2 und die Schweizer Meldepflicht gleichzeitig höhere Anforderungen an Risikomanagement, Rechenschaftspflicht und Nachvollziehbarkeit stellen.
Für Unternehmen wird eine Fähigkeit entscheidend: Veränderungen im externen Bedrohungsumfeld rasch in den eigenen Risikokontext zu übersetzen und daraus Entscheidungen abzuleiten.
Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr nur: Wie schützen wir uns vor Cyberangriffen?
Sondern vielmehr: Verstehen wir, welche Cyberrisiken unser Geschäft tatsächlich bedrohen, und können wir sie wirksam steuern?
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